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Im Gespräch:
Eiki Kurashita
Nanu, ein Goju Ryu Meister aus
Okinawa bei dem traditionellen Shotokan Gasshuku im Jahre 2004 in Konstanz? Ein
Druckfehler in der Ankündigung? Nein, unser Chief-Instructor Hideo Ochi
lernte bei der WKC Weltmeisterschaft im Jahre 2003 in St. Petersburg den
sympathischen Karatemeister Eiki Kurashita kennen. Beide Japaner kamen
ins Gespräch und so erfolgte die Einladung nach Konstanz, als Gasttrainer
mitzuwirken und die Stilart Goju Ryu den Shotokan Karateka vorzustellen.
Eiki Kurashita wurde am
26. November 1941 auf der kleinen Iejima Insel im Okinawa Inselreich geboren.
Nach dem Besuch der Technical Highschool Okinawa übte er unterschiedliche
Tätigkeiten bei verschiedenen Firmen in dem Inselreich Okinawa aus. Er machte
sich mit seiner Frau schließlich selbständig und eröffnete eine
Reparaturwerkstatt für Kraftfahrzeuge und ein Restaurant. Die letzten zwanzig
Jahre seiner beruflichen Laufbahn war er als Subunternehmer eines Autohauses
tätig. Jetzt lebt er im Ruhestand und widmet sich hauptsächlich dem Karate-do.
Im Alter von sechzehn Jahren
begann E. Kurashita 1957 das Karate-Training unter dem Goju Ryu Meister
Meitoku Yagi. Nach drei Jahren wechselte er in das Dojo von Seiko
Higa, der wie auch Chojun Miyagi ein Schüler von Kanryo
Higashionna war. Bekanntlich verbreitete Chojun Miyagi das Goju Ryu
Karate von Okinawa aus nach Japan. Sein berühmtester Schüler in Japan wiederum
wurde Gogen Yamaguchi (genannt „die Katze“).
Selbst in Okinawa, dem
Ursprungsland des Karate, gibt es große Unterschiede in den Kata im Goju Ryu.
Das hängt mit den Einflüssen der chinesischen Kung-fu Lehrmeister zusammen, bei
denen in den vergangenen Jahrhunderten viele spätere Okinawa-Meister Unterricht
nahmen. Diese Unterschiede setzen sich heute mit Variationen und eigenen
Interpretationen weiter fort. Wenn ältere Meister eine Schule von ihrem
Vorgänger übernehmen, fließt natürlich auch die Summe ihrer Erfahrungen in
ihren Unterricht mit hinein.
Warum hat Meister Kurashita
als Jugendlicher mit dem Karatetraining begonnen? Im Vordergrund stand bei ihm
zunächst der Aspekt der Selbstverteidigung. Mit fortschreitendem Alter traten
jedoch die gesundheitlichen Gesichtspunkte hervor. Auch die sozialen Kontakte
durch Karate und das Kennenlernen anderer Stile haben ihn bewogen, Karate bis
heute zu praktizieren. Erst mit über 60 Jahren hat er das europäische Ausland
besucht und seinen Stil in der Slowakei, Rußland, Schottland und nun auch in
Deutschland vorgestellt.
In Okinawa betreiben einige
Verbände auch Wettkampfkarate, allerdings die meisten davon nur Kata-Shiai. So
sind auch nur wenige der zahlreichen kleinen Verbände Mitglied im offiziellen
japanischen Verband, der Japan Karate Federation (die Mitglied im vom
IOC anerkannten Weltverband WKF ist). Zu ihnen zählt der Ryu Ei Ryu Verband von
dem dreifachen WKF-Kata-Weltmeister Tsuguo Sakumoto, der 1991/92 zu
Studienzwecken ein Jahr in Deutschland weilte und mit Ochi-Sensei auch
auf gemeinsamen Lehrgängen unterrichtete. Die große Überzahl der Okinawa
Karategruppen hält sich vom japanischen Karate fern und pflegt ihre eigenen
ursprünglichen Stile und Traditionen. Dazu gehört auch die Goju Ryu Kokusai
Karate Kobudo Renmei, deren Präsident Meister Kurashita ist. Dieser
kleine Verband hat Zweigstellen (Branches) in 14 Ländern, unter anderem
in Frankreich, Kanada, der Slowakei, der Tschechei und Argentinien.
Während in den Mittel- und
Oberschulen viele Schüler Sport-Karate betreiben und an Kata-Wettkämpfen
teilnehmen, sehr selten an Kumite-Shiai, wird in den meisten Dojos kein Kumite
als Wettkampfform praktiziert. Kumite hat in Okinawa keine Tradition. Das gilt
für die beiden Hauptrichtungen des Karate: Goju Ryu und Shorin Ryu. Daneben
gibt es noch als dritten großen Stil das Uechi Ryu, das eine völlig andere
Konzeption hat. Wenn auch Kumite als Wettkampf kaum geübt und ausgeführt wird,
so hat der Selbstverteidigungsaspekt beim Training einen ungleich höheren
Stellenwert als bei unserem Shotokan-Training in Europa.
Wie viele andere Karatemeister
in Okinawa praktiziert E. Kurashita auch Kobudo. Obwohl Kurashitas
Karatestil das Goju Ryu ist, unterscheidet sich sein Kobudo nicht von dem, das
T. Sakumoto betreibt. Das liegt in diesem Falle an dem ursprünglichen
Kobudo-Lehrer in China. Der Begründer des Goju Ryu, Kanryo Higashionna,
und der des Ryu Ei Ryu, Kenri Nakaima, hatten den gleichen chinesischen
Kobudo-Lehrer. Allerdings weilten diese beiden Pioniere des Okinawa-Karate zu
unterschiedlichen Zeiten bei diesem Lehrer in China. Dies ist nur eine der
vielen Eigenheiten der Kampfkünste auf Okinawa. Das Kihon in den drei
wesentlichen Kobudo-Stilen unterscheidet sich von dem des Karate nicht, nur die
Kata mit den Waffen wie Bo, Nunchaku, Sai, Tonfa usw. sind anders.
Wie der Name
der Goju bereits sagt, sind sowohl die Elemente hart (go) und
weich (ju) wichtig. Im Goju Ryu wird großer Wert auf die Atmung und
Tanden (Bauch) gelegt. In Okinawa üben die Goju Karateka bis ins hohe Alter
mit speziellen Gewichten und Geräten zur Steigerung der Kraft bzw. ihrer
Erhaltung. Das Makiwara fehlt in keinem der zahllosen kleinen Dojos. Das
Prinzip der „Punktkraft“, d.h. vom entspannten (ju) Zustand zur blitzschnellen
Anspannung und Kraftentfaltung (go) ist der Kern des Goju Ryu Karate. Wer
Meister Kurashita einmal als Partner bei Angriff und Verteidigung hatte,
kann am eigenen Leib dieses Prinzip schmerzhaft erfahren.
© Dr. Fritz Wendland |