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Im Gespräch:
Shigeru Takashina
Zum zweiten Mal weilte JKA-Instructor Shigeru
Takashina zu einem Trainingsbesuch in Deutschland. Nachdem er bereits vor
einigen Jahren beim traditionellen Osterlehrgang in Frankenthal sein Können
weitergegeben hatte, lernte ihn eine größere Karategruppe beim diesjährigen
Kata Special in Füssen-Schwangau kennen.
Sensei Takashina durchlief die „klassische“
Karriere eines JKA Instructors. Geboren am 28. September 1943 in Hiroshima
überlebte er den Atombombenangriff auf seine Heimatstadt nur dadurch, daß seine
Familie am Stadtrand wohnte und so den tödlichen Strahlen entging. Mit Karate
kam er als 16jähriger Schüler der Asian High-School in Fukuyama in
Berührung. Er trainierte damals in einem Stadt-Dojo, da Karate an seiner Schule
nicht angeboten wurde. Nach Abschluß der High-School wechselte S. Takashina an
die Ryukoko-Universität in Kyoto. Hier wurde Sensei Kawakami sein
Karate-Lehrer. 1966 schloß er sein Betriebswirtschaftsstudium mit dem Diplom
ab.
Während seiner Studentenzeit nahm er mehrmals an
den All-Japan College Championships teil. Da es sich um eine
All-Style-Meisterschaft handelte, wurde nur Kumite-Shiai als
Wettkampfdisziplin ausgetragen. Bei einem Besuch in Kyoto, das zum
Kansai-Distrikt gehört, bat JKA Chief-Instructor Masatoshi Nakayama um
Entsendung des besten JKA-Karateka aus diesem Bezirk zur Instructor-Class nach
Tokyo. Bisher hatte noch kein Karateka aus diesem Bezirk an einem
Instructor-Lehrgang teilgenommen. Die Instruktoren stammten vornehmlich aus der
Region Tokyo (Kanto-Distrikt). Die Wahl fiel auf S. Takashina. So wechselte er
nach kurzer Berufspraxis 1966 nach Tokyo zum JKA Honbu Dojo, um sich den Mühen
und Qualen der zweijährigen Instructor-Ausbildung zu stellen. In seiner Klasse
war außer ihm nur noch ein zweiter Anwärter, der aber nach einem Jahr aufgab.
So beendete Sensei Takashina 1968 mit Erfolg seine Ausbildung und stand nun als
Instructor der JKA zur Verfügung. Ein Jahr vor ihm hatten die Instruktoren
Yukichi Tabata und Takeshi Oishi die Ausbildung abgeschlossen, ein Jahr nach
ihm die Instruktoren Norihiko Iida, Takahashi (tödlich verunglückt) sowie
Hideki Okamoto (seit 30 Jahren in Ägypten).
Natürlich nahm Sensei Takashina während seiner
Zeit am Honbu Dojo an den JKA-Meisterschaften sowohl im Kumite wie in der Kata
teil. 1970 errang er den 3. Platz im Kata-Shiai hinter den Instruktoren
Takahashi und Yamaguchi. Im gleichen Jahr war er Captain der japanischen
Nationalmannschaft bei den ersten Weltmeisterschaften der WUKO in Tokyo.
Bekanntlich durfte Japan bei dieser ersten Weltmeisterschaft drei Teams
stellen, die dann auch die ersten drei Plätze errangen.
Im Jahre 1972 entsandte ihn die JKA auf Vorschlag
von Chief-Instructor Nakayama in die Vereinigten Staaten nach Florida, wo er
auch heute noch mit seiner Frau und Tochter lebt. Er war damals, und ist es
heute noch, der jüngste JKA-Instructor in den USA nach den Meistern Hidetaka
Nishiyama, Masataka Mori, Teruyuki Okazaki, Takayuki Mikami und Yutaka Yaguchi.
Heute ist Takashina-Sensei als Instructor innerhalb der South Atlantic
Karate Association zuständig für den südöstlichen Teil der USA sowie die
Länder Costa Rica, Puerto Rico, Panama und Ecuador. Nach dem Bruch mit den
Meistern Nishiyama und Mori (International Traditional Karate Federation
ITKF) gründeten die anderen JKA-Instruktoren in den USA die
International Shotokan Karate Federation, die hauptsächlich das JKA-Karate
auf dem gesamten amerikanischen Kontinent vertritt. Dabei entsteht die
verwirrende Situation, daß Meister Masataka Mori (New York) einerseits
weiterhin in der JKA ist, andererseits aber auch das von H. Nishiyama
entwickelte komplizierte ITKF-System vertritt.
Welches Ziel verfolgt S. Takashina mit seinem
Karate-Unterricht? Er möchte seine Schüler zu „guten Karateka ausbilden.“
Darunter versteht er ausschließlich die Lehre guter Techniken und guten
Verhaltens. Karate-Politik interessiert ihn nicht. Seine Schüler sind frei in
ihren Entscheidungen und können bei Meisterschaften starten, wo sie möchten.
Allerdings sieht er die Entwicklung von Sport-Karate und Budo-Karate
strikt getrennt. Während das Sport-Karate als Ziel die Teilnahme an
olympischen Spielen anstrebt und sich in seiner technischen Gestaltung den
vermeintlichen Medienkriterien und dem Publikumsgeschmack unterwirft bzw.
anpaßt, ist das alles für Budo-Karate nicht wichtig. Zweifellos macht
auch das Budo-Karate eine Entwicklung durch, aber sie vollzieht sich bei
den einzelnen Karateka selbst mit fortschreitendem Alter. D.h., der
älterwerdende Karateka entwickelt bei beständigem Training und Bemühen ein
anderes bzw. tieferes Verständnis für die drei Basis-Elemente des Karate, Kihon,
Kata und Kumite. So hat er selbst in jungen Jahren manche Techniken und
Trainingsprozesse mißverstanden. Das macht Karate gerade so interessant, daß
sich mit jedem Alter neue Perspektiven eröffnen. So kann man den Unterschied
zwischen Sport-Karate und Budo-Karate auf den Punkt bringen: Im
Sport-Karate wird die Entwicklung von außerhalb des
Karate liegenden Bereichen wie Olympia, Medien und Publikum durch
Verbandsführungen zielgerichtet gesteuert. Im Budo-Karate
hingegen bleibt die Technik gleich, aber die Entwicklung läuft innerhalb
des einzelnen ständig sich bemühenden Karateka in seiner individuellen
Erkenntnis ab.
Meister Funakoshi sagte einmal, für Karate brauche
man nur zwei Quadratmeter zum Training. Also kann der Karateka eigentlich
überall und unter allen Bedingungen seine Übungen durchführen. Falls jemand an
Wettkämpfen teilnimmt, dann ist diese Zeit auf maximal zehn bis fünfzehn Jahre
beschränkt. Es ist also nur eine Periode im Leben eines Karateka.
Meister Nakayamas Forderung nach Vervollkommnung des Charakters durch
Befolgung der Prinzipien des Dojo-Kun gilt besonders für die Danträger, die
mit gutem Beispiel vorangehen sollten. Insofern hält S. Takashina die Spaltung
der JKA mit den nachfolgenden Zivilprozessen auch für eine Schande. Diese
Ereignisse warfen kein gutes Bild auf die JKA, da etliche der hohen Dan-Grade
im Grunde die Prinzipien des Dojo-Kun eben nicht befolgt bzw. ihren Schülern
vorgelebt haben.
Takashina-Senseis Devise lautet: „Wer Karate
lernt, lernt viele Dinge über sich selbst. Bereiche, in denen man stark und
andere, in denen man schwach ist. Durch das Training gewinnt man Erfahrung, die
einem Fähigkeiten und Urteilsvermögen vermitteln. Das beginnt umso schneller,
je eher man die Sorge um Sieg oder Niederlage hinter sich läßt. Wir alle müssen
lernen, mit unseren Mitmenschen, mit uns selbst und unserer Umwelt in Frieden
zu leben. Im Dojo trainieren wir für das Leben.“
© Dr. Fritz Wendland |