Ken Wittstock

Wer aufhört, verliert

Nicht alltägliche Kombinationen, Würfe, Bodentechniken, ungewöhnliche Gymnastikformen: dieses und einiges mehr kann der Karateka beim Training mit Ken Wittstock erleben und vor allen Dingen realistisch fühlen. Die führenden südafrikanischen Karate-Pioniere haben sich schon Anfang der 1960er Jahre Gedanken über ein Karate-Training unter Einschluß vieler Aspekte anderer Kampfkünste gemacht und dabei äußerst realistische Partnerübungen entwickelt.

Der am 21. August 1941 in Johannesburg geborene Ken Wittstock gehört zu dieser ersten Generation von südafrikanischen Karatemeistern, die andere Wege, auch bedingt durch die jahrzehntelange Isolation des Landes, abseits bekannter Pfade gegangen sind. Sport hat der junge Ken Wittstock als Schüler nicht betrieben. Seine erste Kenntnis über fernöstliche Kampfkünste erhielt er zufällig durch die Lektüre eines Buches, das er sich neben einem anderen Buch in der Schule zulegen mußte. Es war ein Lehrbuch über Jiu Jitsu. Das war aber nur ein theoretischer Einblick, denn es sollte noch etwa bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr dauern, bis er schließlich ein Dojo betrat.

Als gelernter Diamantenschleifer hatte Ken Wittstock einen Judoka als Arbeitskollegen. Er fragte ihn nach den Möglichkeiten eines Anfängerkurses. Der Judoka riet ihm von Judo ab, weil er ihn für zu groß hielt, empfahl ihm Karate und gab ihm die Adresse von Stan Schmidt. Letzterer hatte ein kleines Judo-Dojo, in dem er auch Karate praktizierte. Stan Schmidt unterrichtete in dieser Zeit allerdings nicht Karate, weil er selbst nur als Autodidakt nach Büchern lernte. Die Interessierten ließ er jedoch bei seinen Übungen mitmachen. So kam Ken Wittstock im Jahre 1961 zu der faszinierenden Kampfkunst Karate, die auch nach über vierzig Jahren Praxis nichts von ihrer Anziehungskraft für ihn verloren hat.

Im Auftrage von JKA-Chiefinstructor Masatoshi Nakayama weilte Instructor Taiji Kase im Jahre 1964 mehrere Monate in Durban, um Karate zielgerichtet in Südafrika einzuführen. Für mehrere Wochen unterrichteten mit ihm auch die bekannten JKA-Instructoren Keinosuke EnoedaHirokazu Kanazawa und Hiroshi Shirai in den südafrikanischen Metropolen. Ken Wittstock nahm so oft es ging an den Seminaren teil. 1964 legte er seinen Shodan bei T. Kase ab und gehörte damit nach Stan Schmidt und James Rousseau zu den ersten Schwarzgurtträgern in Südafrika.

Mit Stan Schmidt und Bob Zarger unterrichte Ken Wittstock ab 1965 in drei Dojos in Johannesburg: in Orange Grove, im Zentrum und an der Witwatersrand-University. Im Jahre 1968 reiste er mit einer südafrikanischen Auswahl zum Training im Honbu-Dojo der JKA und zur Teilnahme an den JKA-Meisterschaften nach Tokyo. Hier lernte er auch den heutigen DJKB Chief-Instructor Hideo Ochi kennen, der damals sowohl in der Instructor-Class als auch beim allgemeinen Training im Honbu-Dojo unterrichtete. Das Training in der Instructor-Class war in jenen Jahren äußerst hart und für Ausländer noch beschwerlicher, weil sie die hierarchischen Strukturen und Gepflogenheiten nicht kannten. Einige Instructoren waren mehr als gefürchtet. Man mußte höllisch aufpassen, um nicht völlig aufgerieben oder außer Gefecht gesetzt zu werden (um es einmal milde auszudrücken). Die Verhältnisse waren grundlegend anders als heute. Das können auch die wenigen deutschen Karateka bestätigen, die in den 1960er Jahren im Honbu-Dojo trainierten.

Bei den 2. Meisterschaften des ersten Karate-Weltverbandes World Union of Karate-do Organizations WUKO im Jahre 1972 in Paris gehörte Ken Wittstock zum südafrikanischen Team und errang den 5. Platz im Kumite. Damals kam es übrigens auch zur ersten Spaltung des Weltverbandes und die JKA zog sich von der WUKO zurück. Ein Jahr später gelangte Ken Wittstock als erster Nicht-Japaner bei den JKA-Meisterschaften auf das „Treppchen“ und errang den 3. Platz im Kumite. Wie schon bei früheren Besuchen blieb das südafrikanische Team mehrere Wochen in Japan, um im Honbu-Dojo unter und mit den Instructoren zu trainieren. Dabei wurden Ken mehrere Rippen gebrochen und er setzte das Training mit einem Handtuch als Schutz unter dem Gi fort. So trat er auch bei den Meisterschaften an, nach dem Motto: Wer aufhört, hat verloren. Neben Ken Wittstock gehörten Stan Schmidt, Norman Robinson, Robert Ferriere, Eddie Dorie und Dave Friend zum südafrikanischen Team. Diese Männer sind auch heute noch aktiv und gehören zu den führenden Karateka des Landes.

Im Jahre 1968 zog Ken Wittstock nach Randfontein bei Johannesburg und startete neben seinem Trainingsengagement in der Großstadt sein eigenes Dojo mit sechs Schülern in der Garage seines Hauses. Im Laufe der Jahre baute er den Raum zu einem richtigen Dojo aus und machte sich 1975 als Karate-Lehrer selbständig und gab seinen Beruf als Diamantenschleifer auf. Er selbst hat keinen Sensei in seiner Karate-Laufbahn gehabt, sondern von vielen Meistern wie Nakayama, Kanazawa, Kase, Enoeda, Shirai, Ochi und Tanaka gelernt und sich seine eigenen Gedanken über das Training gemacht. Außerdem wirken und trainieren die führenden südafrikanischen Karateka nach wie vor zusammen. In Johannesburg findet auch nach über 40 Jahren noch das sogenannte Early Bird oder Morning Class Training von sechs bis sieben Uhr morgens statt, bei dem sich die jungen und alten Schwarzgurte treffen und jeder etwas zur Technik und zum Verständnis aus seiner Erfahrung beiträgt. Auch Ken fährt einmal die Woche zu diesem Training, das jedesmal von einem anderen Schwarzgurt geleitet wird.

Für Ken Wittstock hat Karate nur Gutes gebracht. Es hat ihm viele Türen geöffnet, er hat die Welt gesehen und Freundschaften mit vielen Menschen geschlossen. Im Karate gibt es niemals einen Verlierer: There is never a loser in karate. Der Anfänger lernt neue Techniken und Methoden. Der Wettkämpfer lernt sowohl durch Sieg wie auch Niederlage: „Wenn du verlierst, dann weißt du warum.“ Auch der Lehrer lernt von seinen Schülern durch Reflexion über deren Lernerfolg oder auch Mißerfolg.

Vor vierzig Jahren betrieben die meisten Karateka außerhalb Japans noch das Training nach dem Motto Versuch und Irrtum, weil sie keinen kontinuierlichen Unterricht bei einem Meister genossen. Allerdings übten sie die Einzeltechniken, Kombinationen und die Partnerübungen in unzähligen, kräftezehrenden Wiederholungen  Heute hingegen wird nach einem methodisch aufgebauten Unterrichtsplan vorgegangen und es gibt mehr Verständnis für die Zusammenhänge. Die Techniken sind zudem ausgefeilter.

Im Jahre 1989 brach eine sehr schwere Krankheit bei Ken Wittstock aus. Sie forderte alle seine Kräfte heraus. Er mußte etwas tun, denn Passivität heißt, sich selbst aufzugeben. Man darf nicht enttäuscht sein, wenn es trotz aller Anstrengung zunächst keinen sicht- oder fühlbaren Erfolg gibt. Man muß weitermachen, es kommt irgendwann etwas, getreu seinem Motto: Wer aufhört, hat verloren.

Mit Deutschland verbinden Ken Wittstock viele angenehme Erinnerungen. Er war bei mehreren Gasshuku als Trainer eingeladen, so in Kempten, Troisdorf und Konstanz. Die deutschen Karateka haben ihm immer beim Training zugehört und ihn dadurch auch stimuliert. In schwieriger Lage haben sie ihm geholfen. Er hat das alles nicht vergessen und ruft ihnen zu: Danke!

© Dr. Fritz Wendland