Stan Schmidt

Good spirit first, then technique

Obwohl Stan Schmidt bereits vor 20 Jahren mit einer südafrikanischen JKA-Mannschaft zu einem Trainings- und Wettkampfaufenthalt in Deutschland im Frühjahr 1977 beim damaligen Deutschen Karate-Bund DKB weilte, hatte sich nie die Gelegenheit ergeben, ihn als Lehrer auf einem Gasshuku zu sehen. Überhaupt ist sein Erscheinen bei dem Gasshuku 1997 in Darmstadt sein erster Einsatz als Trainer in Europa, abgesehen von einem privaten Aufenthalt bei einem seiner Schüler in Griechenland. Neben Trainingsreisen in die südlichen Staaten Afrikas wie Botswana, Namibia oder Zimbabwe hat er seit letztem Jahr nur in den USA unterrichtet. So ist seine Lehrtätigkeit bei diesem Gasshuku tatsächlich eine europäische Premiere.

Die Gründe für diese langjährige Abstinenz liegen einerseits in der fast zwanzigjährigen, auch sportlichen, Isolation seines Landes, andererseits seiner Zurückhaltung, sich anderen aufzudrängen bzw. anderen Instruktoren in die Quere zu kommen. Ihm liegt an einem freundschaftlichen Umgang in der JKA-Familie. Er möchte nicht an den Chef-Instruktoren eines Landes vorbei direkt in die Dojos gehen. Er respektiert die langjährige Arbeit dieser Karate-Lehrer, ihren eigenen Stil, ihre ganz spezielle Sichtweise des Karate. Nur in Zusammenarbeit mit ihnen möchte er in anderen Ländern arbeiten. Denn „the worst ennemies come out of the same family, see Kain and Abel“ [die größten Feinde kommen aus der gleichen Familie, siehe Kain  und Abel].

Auf religiöse Aspekte geht Stan Schmidt oft ein. Bestimmte Erfahrungen haben ihn im fortschreitenden Alter dem christlichen Glauben näher gebracht. In diesem Zusammenhang zitiert er gern ein Gespräch mit dem bei einem Verkehrsunfall getöteten JKA-Instructor Takahashi. Als beide sich über Religion unterhielten und der Südafrikaner sein großes Interesse am Buddhismus bezeugte, zeichnete Takahashi einen Berg und in einiger Entfernung einen Menschen, der auf diesen Berg schaut. Zu Füßen dieses Mannes befand sich ein Licht. Auf die Frage von Schmidt-Sensei, was die Zeichnung bedeuten solle, antwortete der japanische Meister: „Das Gute ist doch bei Dir, warum schaust Du auf den weit entfernten Berg?!“ Mit dem deutschen Sprichwort könnte man auch sagen: „Warum in die Ferne schweifen, das Gute liegt so nah!“

Ein Gasshuku dieser Größenordnung mit einem nahezu perfekten Organisationsgrad hat Stan Schmidt noch nicht erlebt. Er sieht den Grund für diese großartigen Erfolg in dem engen und vertrauensvollen Zusammenarbeiten aller Verantwortlichen, angefangen von Ochi-Sensei, dem eigentlichen Motor des Gasshuku, über den DJKB-Vorstand, den Gasshuku e.V. sowie die örtlichen Organisatoren. Für ihn ist dieses Gasshuku der Einblick in etwas besonderes [„big revelation of something excellent“]. Das hängt aber auch mit seinr langen Isolation vom Karate-Weltgeschehen ab. Außer dem Kontakt zur JKA in Japan hatte er eben lange Jahre keine anderen Möglichkeiten.

Für die deutschen Instruktoren beim Gashuku nimmt er das Wort „clean“, das in diesem Zusammenhang mehr als „sauber“ beinhaltet, wohl eher mit „geradlinig, offen, ehrlich“ interpretiert werden kann. Marijan Glad, Risto Kiiskilä undToribio Osterkamp sind ja auch alte Bekannte für ihn aus den späten siebziger Jahren, als die Südafrikaner in Deutschland bzw.  DKB-Mannschaften in Südafrika waren. Die Vorführungen unserer deutschen Instruktoren, besonders die von Giovanni Torzi, haben ihn stark beeindruckt: „They are lethal gentlemen – right karate-men.“

Neben den erwähnten deutschen Instruktoren hat er noch etliche andere alte Bekannte auf dem Gasshuku wiedergetroffen. Und viele junge Karateka, die ihn erstmals erlebt haben, wollen ihn bei einem eventuellen Aufenthalt in Südafrika zum Training aufsuchen. Seine Art des Unterrichts hat die meisten Teilnehmer förmlich in seinen Bann gezogen. Es war schon interessant zu beobachten, wie die Karateka gebannt an seinen Lippen hingen, wenn er Techniken erklärte oder eine seine Lebensweisheiten zum besten gab. Thomas Schulze, sein Übersetzer, brauchte viele  Aussprüche gar nicht ins Deutsche übertragen, da Stan Schmidt auch ohne große Worte gut mit Gestik, Mimik und vor allem Ausstrahlung überzeugte.

Im Gespräch nimmt er eine klare Haltung zur Karate-Familie ein. Er fragt nach etlichen deutschen Karateka, die mit Ochi-Sensei über zwanzig Jahre verbunden waren und nun gegen ihn sind bzw. ihn links liegen lassen. Er redet nicht schlecht über sie, bedauert aber ihre kleinmütige Haltung aus welchen Gründen auch immer. Sein Kommentar auch hier (siehe oben): „The worst ennemies…“

Schmidt-Sensei hat sich während des Gasshuku viele Gedanken über das Training, die hier versammelten Karateka, über Deutschland und die Deutschen gemacht. Nach dem Unterricht zog er sich in sein Zimmer zurück, um den Vormittag nochmals Revue passieren zu lassen. Abgesehen davon, daß er fast 61 Jahre alt ist, braucht er die Ruhe, um Kraft zu schöpfen, um sich inspirieren zu lassen. Er schreibt gerade an seinem neuen Buch, und die Gedanken sprudeln nur so aus ihm heraus: „Germany has given me power, now I can give it back to South Africa and other countries.“ [Deutschland hat mir Kraft gegeben, nun kann ich sie an Südafrika und an andere Länder weitergeben.] Aus Erzählungen hatte er von der Entwicklung in Deutschland gehört, konnte sich die Realität in dieser Form nicht vorstellen. Er möchte seine Leute nach Deutschland bringen, sie sollen das Gasshuku mit seinen Karateka sehen, die alle versuchen, ihr bestes zu geben. Und das veranlaßt ihn auch zu der Aussage: „I want to inspire, educate, impower everybody – in each lesson I get it back.“ [Ich möchte jeden inspirieren, lehren, ihm Kraft geben – in jeder Trainingseinheit erhalte ich es zurück]

Insgesamt stellt er uns vom Gasshuku und DJKB das Zeugnis aus: „Don’t underestimate your worth.“ [„Unterschätzt nicht Eure Kraft“ oder „Stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel“]. Man kann dem nur zustimmen, denn eine fernöstliche Weisheit sagt: „Abstand bringt die Dinge näher.“ Als Leitmotiv und Quintessenz des Gasshuku in Darmstadt gibt er uns den  von ihm abgewandelten Ausspruch Gichin Funakoshis mit auf den Weg: „Good spirit first, then technique.“

 

© Dr. Fritz Wendland