Teruyuki Okazaki

Einer der letzten noch lebenden Schüler von Gichin Funakoshi war erstmals als Trainer nach Deutschland, und dazu noch zu einem Gasshuku, gekommen. Viele Karateka waren angereist, um die lebende Karate-Legende hautnah im Training beim Gasshuku 2005 in Hannover zu erleben. Sie wurden von dem damals 74jährigen Meister, der seit vielen Jahren in den USA unterrichtet, in ihren Erwartungen nicht enttäuscht.

Geboren am 22. Juni 1931 in Fukuoka (Kyushu) durchlief der junge Okazaki dort noch die Schulbildung nach dem System der japanischen Vorkriegszeit. Auf der Highschool praktizierte er die damals vorherrschenden klassischen japanischen Sportarten Kendo und Judo. Mit 16 Jahren wechselte er 1947 nach Tokyo an die Takushoku Universität, um Wirtschafts- und Politische Wissenschaften zu studieren. Hier kam er auch erstmals durch Masatoshi Nakayama mit Karate in Berührung.

Während der Kriegszeit war die Ausübung von Karate für Kinder nicht erlaubt. In den ersten Nachkriegsjahren lief der Ende der 1930er Jahre unterbrochene Trainingsbetrieb langsam wieder an. Viele Städte waren fast vollständig durch Bomben zerstört worden. Vor allem Tokyo hatte stark gelitten. Auch das Dojo von Gichin Funakoshi war verbrannt. Der Meister aus Okinawa lehnte einen Wiederaufbau durch seine Schüler ab. Er besuchte statt dessen reihum verschiedene Dojos in der Hauptstadt, so unter anderem auch einmal in der Woche die Takushoku Universität. Hier kam T. Okazaki erstmals mit dem Gründer des Shotokan-Stils im Training in Berührung. Neben M. Nakayama prägte G. Funakoshi den jungen Studenten am meisten. Während ihn das Dojo Kun des Shotokan-Begründers im geistigen Bereich besonders prägte, waren es auf körperlicher Ebene die exakten Techniken Nakayamas.

Nach Abschluß seines Studiums trat T. Okazaki 1952 bei einer Baufirma in Stellung. Die Bauindustrie boomte, denn das Land lag in Trümmern und der Wiederaufbau machte rasche Fortschritte. Für den jungen Betriebswirt in der Baufirma galt die Sechs-Tage-Woche mit Arbeitszeiten bis in die späten Abendstunden. An ein Karatetraining war nicht mehr zu denken. So entschloß sich T. Okazaki mit einem Freund ein Restaurant zu eröffnen, in der Annahme, dann sein eigener Herr zu sein und wieder Zeit für Karate zu finden. Aber die neue berufliche Existenz erwies sich als noch zeitaufwendiger. JKA-Chief-Instructor M. Nakayama und JKA-Generaldirektor Masatomo Takagi, ebenfalls ein früher Schüler von G. Funakoshi, kamen öfter in Okazakis Restaurant zum Essen.

Bei einem ihrer Besuche berichteten sie, daß die JKA eine Filmgesellschaft als Sponsor gefunden hatte und nun eine Instructor-Class eröffnen wollte. Sie boten T. Okazaki an dabei mitzuhelfen. So gab er sein Restaurant auf und wurde der Assistent von M. Nakayama. Er erarbeitete das Programm für den Instructor-Lehrgang, der ein Jahr dauerte und tägliches mehrstündiges Training beinhaltete. Die ersten drei Teilnehmer an einem Instrutor-Kurs waren Hirokazu Kanazawa (heute Shotokan Karate International Chief-Instructor), Takayuki Mikami (heute USA) und Eiji Takaura. Bei dem täglichen von Nakayama geleiteten Training assistierte Okazaki.

Im Jahre 1954 forderte die thailändische Polizeiführung Karate-Experten zu Einführungslehrgängen an. M. Nakayama und T. Okazaki reisten nach Bangkok und gaben vor der obersten Polizeiführung einen Einblick in die neue (alte) Kampfkunst. Sie unterrichteten dann weitere drei Monate in Polizeischulen. Die Thais haben ihre eigene Kampfsportart, das Thai-Boxen. Es sollte ein Vergleichskampf stattfinden zwischen einem Karateka und einem Thai-Boxer. Den Kampf hätte Okazaki bestreiten müssen, da er der jüngere der beiden Japaner war. Man konnte sich nicht auf gemeinsame Regeln einigen. Da nahmen einige Thais die Sache in die Hand und griffen Nakayama und Okazaki eines Tages auf der Straße unvermittelt an. Nakayama überließ dem jüngeren Okazaki die „Arbeit“ – in Sekunden war die Angelegenheit klar und die Thais am Boden.

Die Spezialtruppen des Strategic Air Command (SAC) der amerikanischen Besatzungsmacht interessierten sich vor allem für die in den USA noch nicht bekannten Kampfkünste Aikido und Karate. Neben dem Altmeister des Judo, Mifune, luden sie Morihei Ueshiba, den Begründer des Aikido und G. Funakoshi mit ihren besten Schülern zu Vorführungen ein. Die Demonstrationen waren so überzeugend, daß die Militärs Lehrer für Aikido und Karate, unter anderem auch T. Okazaki, für einen Drei-Monats-Kurs für US-Soldaten anforderten. Viele dieser Soldaten verbreiteten nach ihrer Rückkehr in die Heimat diese neuen Kampfkünste in den USA.

Um Karate einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und bekannter zu machen, bereitete die JKA unter der Leitung von M. Nakayama die 1. All Japan Karate Championships im Jahre 1957 vor. Der Vater des Shotokan, Gichin Funakoshi, lehnte Karate-Wettkämpfe ab. Er befürchtete eine Versportlichung und Verwässerung des Karate. Nakayama und seine Freunde wollten zunächst nur dieses eine Turnier erproben und dann mit G. Funakoshi darüber sprechen, aber der Altmeister starb in diesem Jahr 1957. So kann man nur spekulieren, was der Shotokan-Gründer zu den JKA-Meisterschaften gesagt hätte. Auf jeden Fall sollten vor Beginn der Meisterschaften alle Teilnehmer zusammen im Tai-Za Dojo Kun sagen und dann auch zusammen trainieren, bevor die eigentlichen Wettkämpfe begannen. Auch nach Ende der Wettkämpfe sollten alle wieder im Knien Dojo Kun gemeinsam sprechen. Aber dies blieb ein Wunsch.

Auf Grund vieler Anfragen aus den USA schickte M. Nakayama im Jahre 1961 Teruyuki Okazaki in die Vereinigten Staaten, um Karate zu unterrichten und Vorführungen an Universitäten und Colleges zu geben. Im Mai 1961 kam Okazaki nach Philadelphia, einen Monat später H. Nishiyama nach Los Angeles. Beide Instruktoren sollten ursprünglich nur ein Jahr bleiben und dann von Keinosuke Enoeda und Katsuya Kisaka abgelöst werden. Letztere blieben aber 1963 wegen Sprachproblemen nur kurze Zeit in den USA. Also sollte T. Okazaki ein weiteres Jahr bleiben, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden war. Aber die in Frage kommenden Instruktoren gingen in andere Länder und so lebt Okazaki mit seiner Familie immer noch in Philadelphia und unterrichtet Karate und leitet die von ihm gegründete International Shotokan Karate Federation ISKF. Mit ihr führt er auch jedes Jahr ein Gasshuku in Philadelphia durch, zu dem weltbekannte Instruktoren eingeladen werden, so u.a. auch H. Ochi, T. Mikami oder Stan Schmidt. Auf Grund von bestimmten Forderungen der JKA an die ISKF haben ihre Mitgliedsverbände und führenden Instruktoren 2007 einstimmig beschlossen, künftig getrennte Wege zu gehen.

Für T. Okazaki sind Turniere nicht das Ziel des Karate. Sie bilden allenfalls einen gewissen Teil für eine kurze Zeit. Allerdings können sie gut für die Erfahrung eines Karateka sein. Für Meister Okazaki geht es in erster Linie um die Technik, dann die Balance, sowohl die äußere wie die innere Balance. Sein Motto ist: „Trainiere dich selbst.“ Das ist leicht gesagt, aber schwer auszuführen, wie er selbst zugibt. Aber man sollte sich ständig darum bemühen. Und das versucht der 74jährige Meister Okazaki bis heute täglich im Dojo mit seinen Karateübungen und am Makawari.

© Dr. Fritz Wendland

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