Toshihiro Mori

Toshihiro Mori, der fröhliche Mensch und IAKF-Weltmeister 1980 in Bremen

Wer bei der Weltmeisterschaft der International Amateur Karate Federation (IAKF) 1980 in Bremen dabei war, wird den Poolfinalkampf Frank Brennan (Karate Union of Great Britain KUGB) gegen Toshihiro Mori (Japan Karate Association JKA) nicht vergessen: der junge, respektlose Ausnahmeathlet aus England gegen den erfahrenen JKA-Instructor aus Sendai in Japan. Man könnte diesen Kampf durchaus als das Highlight im Kumite-Einzel der damaligen WM bezeichnen. Der für japanische Verhältnisse große und schwere Mori hatte sich auf Ashi-barai (Fußfeger) und gleichzeitigen Ura-ken spezialisiert. Brennans Überraschungstechnik war zu jener Zeit Mawashi-geri Jodan. Brennans geschicktes Ausweichen von Moris Ashi-barai mit dem perfekten Mawashi-geri zum Kopf brachten ihm einen der spektakulärsten Ippon, die es wohl je im Shobu-Ippon-System gegeben hat. Mori qualifizierte sich bekanntlich in der Trostrunde für das Finale, in dem er dann den jugoslawischen Spitzenkarateka Dusan Dacic besiegte.

Nun zwanzig Jahre nach jenen außerordentlichen Ereignissen hatten wir anläßlich des Gasshuku 1999 in Konstanz Gelegenheit mit T. Mori ein längeres Gespräch zu führen, in dem er etwas aus seinem Leben und von seinen Ansichten preisgab. Geboren 1950 in Sendai, Region Tohuku, etwa 300 km nördlich von Tokyo, kam er im Alter von 15 Jahren mit dem Karate auf der Highschool in Berührung. Wie viele japanische Schüler praktizierte er allerdings mehrere Sportarten nebeneinander, u.a. auch besonders Fußball. Er entschied sich aber für Karate, als er sich an der Tohuku Gakuin Universität in Sendai als Student der Wirtschaftswissenschaften einschrieb. Nach dem Examen ging er 1973 für zwei Jahre nach Tokyo und absolvierte die JKA-Instructor Class. Anschließend bereiste er im Auftrag der JKA für ein halbes Jahr die ganze Welt, um Karate zu unterrichten. Danach kehrte er in seine Heimatstadt Sendai zurück, um sich hauptberuflich am Aufbau einer eigenen Firma zu engagieren. Auch in diesem Metier ist er neben dem Karate sehr erfolgreich. In der Hauptsache richtet sein Unternehmen Kantinen in Universitäten, Schulen und Firmen ein. Daneben hat T. Mori noch eine kleine Porzellan-Manufaktur aufgebaut.

Seinen ersten großen Erfolg erzielte Mori 1975 mit dem Titel des Japanischen Meisters im Kumite des Dachverbandes Japan Karate Federation JKF. Zum beherrschenden Kämpfer bei den JKA-Meisterschaften wurde er allerdings erst drei Jahre später, als er 1978 den 1. Platz, 1979 den 2., 1980 wieder den 1. und 1981 nochmals den 2. Platz erreichte. Betrachtet man diese Erfolgsserie, dann erscheint die Niederlage gegen Brennan in besonderem Licht. Mori hat diesen Kampf in den vergangenen Jahren immer wieder in seiner Erinnerung ablaufen lassen. Heute, zwanzig Jahre nach diesem Ereignis, stellt Mori fest, daß er damals sehr aufgeregt war, unter großem psychischen Druck stand. Er war verspannt, gehemmt, und konnte sich nicht frei bewegen, so wie er es sonst gewöhnt war. Er hält Brennan für einen „phantastischen Karateka“. Die Niederlage war für Mori eine wichtige Erfahrung, die ihn in seinem Verständnis von Karate beeinflußt hat und die er für seine Entwicklung für wichtig hält.

Während seines Trainings in der Universität zog sich Mori eine schwere Verletzung am linken Ellbogen zu, so daß er den Arm nicht mehr völlig strecken und voll belasten kann. Deshalb startete er auch nicht im Kata-Shiai, wie es sonst für JKA-Instruktoren üblich ist. Die Folgen der Verletzung glich er durch einen Wechsel seines Kampfstils und spezielles Training, besonders für den Ashi-barai, aus. Den Ashi-barai übte er besonders im Garten an einem eingegrabenen alten Autoreifen, der bis Wadenhöhe aus dem Boden ragte. Seine bevorzugte Kampfstellung war die Rechtsauslage. Die Verletzung machte ihn stärker, weil er nicht aufgab. Er meint zum Kumite: „Nur ein starker Angriff reicht zum Gewinnen eines Kampfes nicht aus. Man muß auch die Abwehr üben, dann ist man wesentlich sicherer und konsequenter beim Angriff. Beim Beherrschen guter Abwehrtechniken kann man den Gegner zu Angriffen herauslocken. Eine gute Verteidigung ist der beste Angriff.“ Seiner Meinung nach lassen sich diese Erfahrungen auch auf das Privat- und Berufsleben übertragen. Die Erkenntnisse im und durch das Karate werden auch im Leben umgesetzt. Man entwickelt ein Situationsbewußtsein für die Umwelt, das Aktionen und Verhaltensweisen erahnen läßt.

T. Mori lebte mit seiner Familie als Geschäftsmann in Sendai. Neben seiner Arbeit betreute er das Universitäts-Dojo, sein eigenes Dojo sowie die Region Tohuku als Chief-Instructor. Gelegentlich reiste er, wie auch zu unserem Gasshuku, in das Ausland, um bei Lehrgängen mitzuwirken. Er hat eine Tochter und einen Sohn im Alter von 17 und 19 Jahren. Der Sohn betreibt auch Karate, wechselte allerdings von Shotokan zum Shorinji-Kenpo. Durch den Tsunami verlor er seine Firma sowie sein Haus in Sendai. Seitdem lebt er in Tokyo und ist zur Zeit Generaldirektor der JKA.

Privat ist T. Mori einer der fröhlichsten und offensten JKA-Instructoren, stets zu Scherzen und herzlichem Lachen aufgelegt. Er hat nichts von der Unnahbarkeit und Förmlichkeit vieler japanischer Meister an sich, das macht ihn auf den ersten Blick sympathisch. In seiner Heimatstadt Sendai ist er ein perfekter Gastgeber, so daß man sich als Gast in der exotischen Fremde wie zu Hause fühlt. Er hat die Gabe, trotz Sprachschwierigkeiten, von Herz zu Herz zu sprechen.

© Dr. Fritz Wendland

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